Quo vadis Weinguides?
Veröffentlicht am 15. Juni 2009 in der Rubrik »Meinung«
»Quo vadis Weinjournalismus?« titelte am vergangenen Dienstag Michael W. Pleitgen in seinem Blog »Weinakademie Berlin« und führte sehr treffend unter anderem aus: »In der Branche scheint es mittlerweile als abgemacht zu gelten, dass man mit den Publikationen als solchen kein Geld verdienen kann. [...] Die Symbiose von Anzeigen und originärem Content ist immer enger geworden.«
Keine guten Voraussetzungen also insbesondere für redaktionelle Mitarbeiter und Verkoster so genannter Weinguides, die gegenüber ihren Lesern selbst dann noch zumindest eine Fassade scheinbarer Seriosität aufrecht zu erhalten suchen, wenn Verlag und Herausgeber zur Finanzierung des Buches oder der Onlinepräsenz längst zu sehr fragwürdigen Geschäftspraktiken gegriffen haben.
Es ist unstrittig, dass mit der Produktion eines Weinguides erhebliche Kosten verbunden sind. Diese müssen durch den späteren Verkauf oder zahlende Abonnenten im Internet erst einmal wieder eingenommen werden. Geschieht dies nicht, schreibt der Verlag rote Zahlen und das Projekt irgendwann nicht nur steuerlich ab. In der derzeitigen schweren Strukturkrise der Medien hat ein Weinguide zusätzlich mit enormen Problemen zu kämpfen: Erstens wird, obwohl (oder gerade weil?) Wein mehr und mehr zu einem Mode- und Lifestylethema mutiert beziehungsweise verkommt, nur eine sehr überschaubare Zielgruppe überhaupt in Erwägung ziehen, für die erbrachte Dienstleistung zu zahlen, und zweitens verursacht die aufwändige Logistik nicht zu unterschätzende Zusatzkosten, die nur durch den Verkauf weiterer (oder teurerer) Werbeanzeigen oder durch andere Einnahmequellen abgefedert werden können. Und würden die Verkoster, deren Arbeit mehr Zeit in Anspruch nimmt als so mancher Laie ahnt, nach ihren üblichen Stundensätzen entlohnt, erschiene ein schwarzes Loch gegenüber der Wirtschaftslichkeitsrechnung wie ein sonniger Frühlingstag in der Ortenau.
Was vor allem Winzer mitunter nicht wahrhaben wollen: Ohne den Werbeeffekt durch die Weinguides, der keinesfalls nur dann gegeben ist, wenn der Kunde mit dem Buch unterm Arm im Weingut erscheint, ginge es vielen von ihnen wirtschaftlich schlechter. Dieser Sachverhalt ist jedoch manchen Winzern kaum zu vermitteln, naturgemäß vor allem denen nicht, die sich über die ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Kritik und unbefriedigenden Bewertungen ihrer Weine beschweren. Letztere gibt es (unter anderem, weil in den Redaktionen keinerlei taugliche Qualitätssicherung betrieben wird) zuhauf, den Weinerzeugern fehlt es jedoch nicht selten an der Fähigkeit zu selbstkritischem Denken, und es fällt immer wieder auf, dass es vor allem die Winzer aus der dritten (oder vierten) Reihe sind, die sich am lautesten beklagen und die idealerweise unabhängige und neutrale Arbeit der Verkoster, deren Glaubwürdigkeit letztlich den Markt mitbeeinflusst, mit jenen wunschkonzertähnlichen Degustationsveranstaltungen verwechseln, wie sie die inzwischen an jeder Straßenecke aus dem Boden schießenden Weinprämierungen faktisch darstellen.
Ich schreibe bewusst »idealerweise«, weil die Wirklichkeit ein wenig anders aussieht, als in dem obigen Absatz skizziert. So können die derzeit die Szene beherrschenden Weinguides kaum für sich in Anspruch nehmen, unabhängig zu sein und Weine möglichst objektiv zu bewerten. Der letzte Rest an Unabhängigkeit geht mit den wirtschaftlichen Zwängen den Bach herunter, und an die Stelle einer Weinkritik, die sich zumindest nach besten Kräften um Objektivität bemüht, treten zunehmend (pseudo-)journalistische Strukturen, die nach ihren eigenen Regeln funktionieren und sich entgegen den nach außen abgegebenen Lippenbekenntnissen einen feuchten Dreck um Glaubwürdigkeit und Professionalität scheren.
Dies wiederum bleibt weder den Winzern noch den Lesern der einschlägigen Veröffentlichungen verborgen. Die Leidtragenden sind jedoch nicht nur Weinerzeuger und Weinkonsumenten, sondern auch die (wenigen fähigen) Verkoster, die sich redlich bemühen und an die Qualität ihrer Arbeit einen hohen Maßstab anlegen. Weinguides, Winzer und Leser befinden sich kollektiv in einem Dilemma: Das Modell, von dem alle Parteien prinzipiell profitieren könnten, hat durch zahlreiche schwarze Schafe in der Branche schweren Schaden erlitten. Dies hat unter anderem zu der Entwicklung geführt, dass die existierenden Weinguides von vielen Weinfreunden (völlig zu Recht) längst nicht mehr ernstgenommen und als entbehrlich betrachtet werden und etliche Winzer nur noch zähneknirschend Probeflaschen versenden. Dabei könnte es anders sein.

»Teilnahmegebühr« für einen Weinguide.
Nicht geeignet, um verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen, ist eine Finanzierungsidee, die derzeit von einem der Weinguides verfolgt wird. Per Schreiben an die Winzer werden diese gebeten, sich mit einem freiwilligen Obulus von 195,- € an den Kosten zu beteiligen. Eigentlich keine schlechte Idee, und auch die Höhe des Betrages erscheint mir alles andere als unangemessen. Doch gesellte sich hier zu der gewohnt mangelnden Professionalität auch noch grobe Ungeschicklichkeit. Denn die Formulierung des Angebotes, das den spendablen Winzern großzügig Nutzungsrechte unter anderem am eigenen Artikel und an Logos einräumt, schürt nun in Kreisen der nicht zahlungswilligen Winzer, die bereits heute mit ihrer Empfehlung in dem Weinguide auf ihrer Website werben, Angst vor einer bevorstehenden Abmahnung. In einer anonymen E-Mail, die ich am Wochenende von einem Winzer erhielt, ist in diesem Zusammenhang von der »neuesten Dreistigkeit« dieses Weinguides die Rede. Es fällt nicht schwer einzusehen, dass auf Winzerseite jemand offensichtlich bereits seit längerem mit geballter Faust in der Tasche und großer Wut auf diesen Weinguide unterwegs ist. Die naheliegenden Bedenken, zahlungswillige Winzer genössen bei der Bewertung ihrer Weine Vorteile, kann das Angebot nicht entkräften, weder durch die Überschrift »Teilnahmegebühr« (die mich eher an eine Pflichtabgabe denken lässt), und schon gar nicht durch das Versprechen, der Auftrag des Winzers würde hinfällig, sollte der Betrieb »wider Erwarten« — so steht es wörtlich auf dem Formular — nicht in der kommenden Ausgabe des Weinguides vertreten sein. Die meines Erachtens notwendige Erklärung, das persönliche Zahlungsverhalten habe keinerlei Auswirkungen auf die Ergebnisse der Verkostungen, ist ebenso unterblieben, wie der in meinen Augen vor dem Hintergrund der aktuellen Datenschutzskandale obligatorische Hinweis, wie sich Verlag, Herausgeber und Redaktion den sachgerechten Umgang mit den Zahlungsdaten vorstellen.
Ob lediglich Tölpelhaftigkeit oder Kalkül — von einer Begegnung auf Augenhöhe sind Winzer und Weinkritiker anscheinend so weit entfernt wie noch nie.
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Der gleiche Brief ist auch bei mir gelandet und hat bei mir Bauchschmerzen verursacht. Ich teile deine Bedenken gegenüber dieser »Teilnahmegebühr« und deine Kritik über Glaubwürdigkeit und Objektivität einiger Weinguides.
Hallo Werner,
ich sehe das eher unaufgeregter und frage mich ernsthaft, wer anonyme Mails schreibt, weil er vor dem Weinguide Angst hat. Das kommt mir doch ein wenig paranoid vor…
[...] relativ klar, dass dies für einige Diskussionen sorgen wird. So ist es nun auch geschehen hier bei Werner Elflein und auch beim Winzerblog. Bei beiden werden Überlegungen laut, ob dass dann künftig alles noch [...]
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