Mogelpackung »Erste Lage«

Veröffentlicht am 27. Dezember 2006 in der Rubrik »Meinung«

VDP-Logo Erste LageAls den »Meilenstein einer terroirgeprägten Weinkultur in Deutschland« bezeichnet der Verband der Prädikatsweingüter (VDP), einst aus dem Verein der Naturweinversteigerer hervorgegangen, sein dreistufiges Klassifikationsmodell. Auf der untersten Stufe stehen die Guts- und Ortsweine, denen die Nennung einer Einzellage auf dem Etikett versagt bleibt. Sie bilden bei einer Ertragsbeschränkung auf maximal 75 hl/ha die qualitative Basis. Ihnen übergeordnet sind die Weine aus den so genannten klassifizierten Lagen, bei denen die Erträge auf 65 hl/ha beschränkt werden. Nach welchen Kriterien hierbei »aus der Vielzahl der weingesetzlichen Lagen … eine kleine Gruppe charaktervoller, traditioneller Weinberge« ausgewählt wurde, wird seitens des VDP jedoch nicht schlüssig erläutert. Es ist aber kein Geheimnis, dass beispielsweise im Anbaugebiet Rheinhessen die Auswahl der klassifizierten Lagen vor dem Hintergrund fehlender Traditionen oft ausschließlich nach persönlichem Gusto und wirtschaftlichen Befindlichkeiten der Verbandsmitglieder erfolgte. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass an der Spitze des Klassifikationsmodells, also über den klassifizierten Lagen, »Erste Lagen« stehen, die zur Erzeugung »terroirgeprägter« Weine eher ungeeignet scheinen. Und daran ändert auch eine Beschränkung der Erträge auf maximal 50 hl/ha wenig.

Über die Frage, ob und gegebenenfalls in wie weit eine Lagenklassifikation überhaupt Sinn macht, lässt sich trefflich streiten. Solange jedoch immer wieder Weine unter dem Label »Erste Lage« auf den Markt kommen, die entgegen der werbewirksamen Behauptung des Verbands, die Erzeugungskriterien garantierten eine herausragende Weinqualität, nur in seltenen Fällen höheren Ansprüchen gerecht werden können, führt der VDP sein Klassifikationsmodell selbst ad absurdum. Beispiele gefällig?

VDP-Logo Erste Lage (Karikatur) Im badischen Neuweier wurden sowohl der Schlossberg als auch der Mauerberg als »Erste Lage« klassifiziert. Das VDP-Weingut Schloss Neuweier besitzt Rebflächen in beiden Einzellagen. Während im Schlossberg, der sich im Alleinbesitz des Weinguts befindet, über 40 Jahre alte Rieslingreben stehen, erfolgten die jüngsten Neuanpflanzungen im Mauerberg deutlich später. Das zum Mauerberg gehörende »Goldene Loch«, das an den Schlossberg angrenzt, wurde erst in den Neunzigerjahren in Form einer Querterrassenanlage in Ertrag genommen. Bedingt durch die hohen Abstände zwischen den Rebzeilen reduzieren sich die Hektarerträge hier spielend auf ein Niveau von 30 bis 40 hl/ha. Über den Behang der einzelnen Rebstöcke sagt diese Zahl jedoch so gut wie gar nichts aus.

Nun wurden in den vergangenen Jahren aus dem Schlossberg, dem »Goldenen Loch« und der ursprünglichen Kernlage des Mauerbergs stets drei trockene Riesling-Spätlesen produziert. Ausgerechnet der preiswertesten, in Blindverkostungen regelmäßig dominierenden Spätlese aus dem Schlossberg blieb der Titel des »Großen Gewächs« (vom VDP geprägter Begriff für einen trocken ausgebauten Wein aus »Erster Lage«) versagt. Die Logik des Weinguts: Das »Goldene Loch« soll mittel- bis langfristig in der Öffentlichkeit zum Spitzengewächs »aufgebaut« werden, während im Schlossberg in den kommenden Jahren Rodungen und Neuanpflanzungen anstehen. Eine zweifellos geschickte Marketing-Strategie, die jedoch nicht die gegenwärtige Realität in der Flasche widerspiegelt und beim kritischen Verbraucher durchaus für Missstimmung sorgen könnte. Zumal es sich letztlich bei den drei genannten Rieslingen zwar um gute trockene Spätlesen, nicht aber wirklich um große Weine handelt.

Im rheinhessischen Wonnegau haben sich in den vergangenen Jahren eine Hand voll Erzeuger einen Namen mit trockenen Rieslingen gemacht, die aufgrund ihrer frühen Zugänglichkeit in der Fachpresse euphorisch gelobt werden. Den »Großen Gewächsen« des Jahrgangs 2005 aus dem Westhofener Weingut Wittmann beispielsweise prophezeite die Zeitschrift VINUM in ihrer Novemberausgabe 2006 eine Trinkreife bis in das Jahr 2015 — ein Potenzial, das man von einem großen Wein eigentlich auch erwarten darf. Damit steht VINUM ganz in der Tradition etwa des Weinportals Wein-Plus.de, das bereits vor drei Jahren den 2002ern hohe Bewertungen zwischen 93 und 98 Punkten zuerkannte und ihnen eine voraussichtliche Trinkreife bis in das Jahr 2012 bescheinigte.

Leider sieht aber auch hier die Realität nicht ganz so rosig aus. Anlässlich einer kürzlich von weinfreaks.de in der Düsseldorfer Weinhandlung LaVinesse organisierten Blindverkostung, in deren Rahmen gezielt reifere »Große Gewächse« der Jahrgänge 1999 bis 2004 vorgestellt wurden, waren die anwesenden Weinliebhaber desöfteren sehr unangenehm überrascht, in welch mäßiger Verfassung sich etliche noch vor zwei bis drei Jahren in den höchsten Tönen gelobte Weine präsentierten. Speziell die 2002er »Großen Gewächse« aus dem Hause Wittmann schmeckten nur noch phenolisch und bitter.

Eine ähnliche, wenig erfreuliche Entwicklung ist in den kommenden Jahren offensichtlich auch den trockenen »Großen Gewächsen« des Pfälzer VDP-Weinguts Christmann vorbestimmt. Jüngst enttäuschten die Rieslinge aus der Lage Königsbacher Idig in einer Vertikalen — zur Degustation standen die Jahrgänge von 2000 bis 2005 — fast ausnahmslos. Die zum Teil sehr weit in ihrer Entwicklung fortgeschrittenen Weine wirkten durch die Bank plump und schwerfällig, ein roter Faden, das vielbeschworene »Terroir«, offenbarte sich den Verkostern nicht.

Der VDP mag zu Recht bemängeln, dass nach dem deutschen Weingesetz von 1971 der Zuckergehalt im Traubensaft über die Qualitätseinstufung entscheidet. Eine auf Hektarerträgen basierende Klassifikation ist jedoch, wie der Fall des »Goldenen Lochs« belegt, ebenso fragwürdig. Denn letztlich sind viele der hochpreisigen »Großen Gewächse« nichts, als alkohollastige Blender, denen es in frappierender Weise nicht nur an Feinheit, sondern auch an Substanz fehlt. Aber woher sollen die Weine ihr Potenzial nehmen, wenn sie meist aus viel zu jungen Rebanlagen stammen, die seit der letzten turnusmäßigen Flurbereinigung mit genetisch minderwertigen Hochertragsklonen bepflanzt sind? Wie sollen große, individuelle Terroir-Weine entstehen, wenn die Moste — oft blank wie Wasser — mit Aromaenzymen behandelt und mit industriell gefertigten Reinzuchthefen vergoren werden?

Solange der VDP auf die tatsächlich wesentlichen Qualitätsfragen keine glaubwürdigen Antworten liefert, bleibt das im Ansatz gut gemeinte Klassifikationsmodell Flickschusterei und verkommt aus Konsumentensicht zur Mogelpackung.

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Bisher 1 Kommentar
  1. Alex Haller schrieb am 22. Mai 2007 um 14:54 Uhr:

    Hallo,

    ich bin mit deiner Kritik voll einverstanden, wollte aber auch anmerken, dass der Winzer im Endeffekt selber für seinen Ruf verantwortlich ist und entscheiden muss, welcher Wein als »Grand Cru« verkauft wird. (Bürklin-Wolf selektiert meines Wissens nur einen Teil seiner als »Großes Gewächs«-klassifizierten Weine als »Grand Cru«, wobei dieses Weingut eigentlich vollständig auf die Bezeichnung »Großes Gewächs« verzichtet.)

    Ich finde den Ansatz des VDP, Lagen zu klassifizieren eigentlich sehr gut. In Frankreich ist es ja nicht viel anders. Ein »1er Grand Cru« hat schon öfter mal weniger Qualität als ein 5ème Grand Cru Classé gehabt. Auch dort sind die Winzer für ihren Ruf verantwortlich. Dass Weinschreiber die Blenderweine nicht erkannt haben, ist natürlich unglücklich, aber sowas kommt wohl ab und zu vor. Aber wer weiß, vielleicht haben sich diese Weine nur verschlossen, um in einigen Jahren eine Auferstehung zu erleben (kann das natürlich nicht beurteilen, aber so soll es öfter bei großen Bordeaux sein).

    Das war auf jedenfall ein sehr lesenswerter Beitrag deinerseits, und ich hoffe, dass er auch noch viel Gehör finden wird.

    Grüße
    Alex Haller

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