Schraubverschluss — Naturkork 2:0
Veröffentlicht am 2. Februar 2010 in der Rubrik »Degustation«
Gegen einen hochwertigen Naturkorken, dies sei immer wieder durch eigene Tests belegt worden, komme der Schraubverschluss nicht an, höre ich immer wieder von Winzern. Und sie haben mit dieser Aussage sogar Recht! Allerdings nur dann, solange frisch geöffnete Flaschen für den sensorische Vergleich heran gezogen werden.
Wie bereits früher erwähnt, benötigen mit Stelvin & Co. verschlossene Weine nach dem Öffnen in aller Regel erst einmal Luft. Viel Luft. Insofern ist der Schraubverschluss keineswegs so unkompliziert, wie es sein Image vortäuschen mag. Einfach nur die Flasche aufschrauben, den Wein ins Glas gießen und trinken — so einfach funktioniert es letztlich doch nicht.
Vor 14 Tagen hatte ich in einem Weingut an der Mittelmosel nun selbst die Gelegenheit, mir anhand zweier Weine des Jahrgangs 2007, jeweils in beiden Verschlussvarianten gefüllt, ein Bild zu machen. Die Weine seien, so erzählte mir mein Gastgeber, bereits am Vortag geöffnet und von mehreren Winzern aus dem Ort verdeckt verkostet worden. In beiden Gegenüberstellungen von Schraubverschluss- und Naturkork-Variante habe sich der Naturkork als überlegen herausgestellt.
Ich äußere meine Bedenken hinsichtlich der mangelnden Luftzufuhr und führe anschließend die Probe gemeinsam mit einem jungen Winzer aus der Nachbargemeinde unter den gleichen Rahmenbedingungen wie am Vortag durch:
Probenpaar 1: Mein Mitverkoster und ich sind uns schnell einig, welches Glas aus der Flasche mit dem Schraubgewinde befüllt worden sein könnte. Dennoch ist es ein reines Ratespiel, und prompt irren wir. Einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Einzelproben scheint es nicht zu geben. Erst nach der Auflösung kann ich in der Schraubverschluss-Probe einen etwas höheren Anteil Kohlensäure erahnen. Aufgrund des nicht vorhandenen Korkschmecker-Risikos: 1:0 für den Schraubverschluss!
Probenpaar 2: Probe A zeigt eine beginnende erste Reife mit feinen Kaffeenoten, Probe B erscheint hingegen verschlossen und entwickelt im Glas scheinbar kaum eine Aromatik. Da Probe B kein klarer Korkschmecker zu sein scheint, schiebe ich die schmeckbaren Unterschiede zunächst auf eine infolge des Schraubers verzögerte Flaschenreife bei Probe B und einen moderaten, naturkorkbedingten Luftaustausch bei Probe A. Mein Mitverkoster sieht es anders und meint, Probe B sei die Naturkork-Variante. Die Auflösung gibt ihm Recht, enttarnt jedoch Probe B endgültig als »scalping fruit«. 2:0 für den Schraubverschluss!
Um übrigens dem Belüftungsdilemma zu entgehen, öffne ich bei Weißweinen den Schraubverschluss vor dem Kühlstellen kurz für ein paar Minuten. Vor dem Servieren lasse ich die Flasche dann noch rund 15 bis 30 Minuten offen im Weinkühler stehen. Wem das Brimborium des Korkenziehens nicht zuviel ist, der kann auch mit diesem Prozedere sehr gut leben.
Kommentare
Hinterlassen Sie einen Kommentar!
Wenn Sie zu diesem Beitrag einen Kommentar abgeben möchten, verwenden Sie hierzu bitte das folgende Formular.
Aktuell
- Alexander Laible: 2007er Riesling trocken *** »Chara« (nachverkostet)
- Müller-Catoir: 1998er Haardter Mandelring Scheurebe Auslese
- Hochmoselübergang: Gerd Schinkels Protestsong
- Wieviel kostet der Hochmoselübergang wirklich?
- Hochmoselübergang: Forderung nach Rundem Tisch
- Meyer & Sohn: 2009er Rhodther Ordensgut Rotwein-Cuvée »Ein Liter Rhodt« trocken
- Mosel: Erneut tödlicher Arbeitsunfall
- Jos. Christoffel jr.: 2003er Ürziger Würzgarten Riesling Auslese ***
- Hans Wirsching: 2008er Iphöfer Kalb Silvaner Spätlese trocken
- Reinhold Haart: 2003er Piesporter Goldtröpfchen Riesling Spätlese (nachverkostet)
Rubriken
Netzwerke
Schlagwörter
-
Übersee
Baden
Frankreich
Spätburgunder
Bergstraße
Mosel
Genuss
Traminer
Hochmoselübergang
Syrah
Naturkork
Statistik
Franken
Österreich
Saar
Rheingau
Nahe
Mittelrhein
Pfalz
Rheinhessen
Entdeckungen
Sekt
Ruwer
Italien
Spanien
Riesling
Weinkritik
Event
Ahr
Württemberg
Gentechnologie
Werbung
Wenn jemand so viel Fachkenntnis vorzuweisen hat, sollte er auch schon Weine mit erhöhtem TCA-Gehalt (der allgemein bekannte so genannte »Korkschmecker«) bei Schraub- oder Kunststoffverschlüssen gefunden haben. Es gilt mittlerweile als widerlegt, dass die Ursache ausschließlich auf den Naturkork zurückzuführen ist. Man rieche dazu nur manche Keller von Winzern. Natürlich kann das Risiko bei Naturkork dennoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Allerdings habe ich es erlebt, wie peinlich es für einen Winzer sein kann, der als absoluter Verfechter der Alternativen gilt (allein aus dem Grund des TCA im Wein), wenn sein Wein dennoch belastet ist. 100% Schutz gibt es bei keinem Verschluss.
Sehr geehrter Herr Breckheimer,
Sie arbeiten nicht zufällig für die Trierer Korkindustrie?
Dass vereinzelt Betriebe mit TCA regelrecht verseucht sein sollen, ist mir gerade vor einigen Tagen auf der ProWein ebenfalls zu Ohren gekommen. Aber auf welchem Wege, glauben Sie, ist dieses TCA dorthin gelangt, wenn nicht über kontaminierte Naturkorken? Dass sich diese Substanz in den Kellern hält und nach einem Umstieg auf alternative Verschlüsse weiterhin Schaden anrichten kann, liegt doch auf der Hand.
Aber was wollen Sie mir mit Ihrer Argumentation eigentlich sagen? Dass es nichts bringt, auf Schraubverschlüsse umzusteigen? Da bin ich völlig anderer Auffassung, denn gerade Ihre Ausführungen unterstreichen doch sehr deutlich, mit welchem Schadenspotenzial wir es hier beim Naturkork weiterhin zu tun haben.
Bisher war die Korkindustrie weder willens noch in der Lage, ihre Qualitätsprobleme in den Griff zu bekommen.
TCA bei einem »verschraubten« Wein ist mir übrigens bisher noch nicht untergekommen. Korkschmecker waren auf der ProWein in diesem Jahr aber wieder sehr präsent: alleine an einem einzigen Stand musste ich vier von fünf Flaschen reklamieren.
Mit freundlichem Gruß
Werner Elflein